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Die Gale­rie Ama­li­en­park | Raum für Kunst wird in von Clau­de Keisch kura­tier­ter Fol­ge Kabi­netts­aus­stel­lun­gen aus den rei­chen Bestän­den der Hans-Vent-Stif­tung zei­gen. Jähr­lich wer­den drei sol­cher Aus­stel­lun­gen erfol­gen.

»Es gibt nicht vie­le Maler, von denen ich so sehr sagen möch­te: sei­ne Bil­der sei­en geträumt. Nicht nur in dem Sin­ne, dass ihre unwirk­li­chen Kon­fi­gu­ra­tio­nen an Traum­phan­ta­sien erin­nern; son­dern in dem all­ge­mei­ne­ren, dass sie erst vor unse­ren Augen zu ent­ste­hen schei­nen, weil die Gestalt, die sie vor den Augen des Malers ange­nom­men haben, nicht plan­bar war. Unter den vie­len schwarz­wei­ßen oder aqua­rel­lier­ten Skiz­zen, die ganz ähn­li­che Moti­ve zei­gen wie die Öl- und Deck­far­ben­bil­der, die hier hän­gen, ist sicher kei­ne als „Kom­po­si­ti­ons­ent­wurf“ gemeint oder genutzt wor­den. Es gibt kei­ne Abfol­ge etwa von Kon­zi­pie­ren, Kom­po­nie­ren, Aus­füh­ren. Alles geschieht simul­tan, in hei­te­rer Maler­lau­ne, das Ver­wer­fen eines Zustan­des ist jeder­zeit Teil einer Spiel­re­gel, die Reue und Selbst­quä­le­rei aus­zu­schlie­ßen scheint. Impro­vi­sa­ti­on und Kon­zen­tra­ti­on, sie koope­rie­ren bei Hans Vent. Kon­zen­tra­ti­on ist die Vor­aus­set­zung des glück­li­chen Impro­vi­sie­rens. (…)«

(aus der Laudatio von Claude Keisch, Ausstellungseröffnung am 22. Februar 2019 in der Galerie der Graphikpresse, Berlin)

Ausstellung im Kabinett [1]
Hans Vent – Unvermutete Begegnungen

Späte Arbeiten auf Papier

5 Juni bis 11. Juli 2020
Ers­te Aus­stel­lung der Rei­he mit Arbei­ten von Hans Vent im Kabi­nett der Gale­rie.

Kura­tiert von Clau­de Keisch

Obwohl das eigen­wil­li­ge, von Moden wie von ideo­lo­gi­schen Vor­ga­ben unab­hän­gi­ge Werk des Ber­li­ner Malers Hans Vent (1934 – 2018) durch Aus­stel­lun­gen und Publi­ka­tio­nen wohl­be­kannt zu sein scheint, ist sei­ne Tie­fe und Viel­falt noch kei­nes­wegs erschlos­sen: dies wird eine Fol­ge von Kabi­nett­aus­stel­lun­gen aus den rei­chen Bestän­den der Hans-Vent-Stif­tung zei­gen. Die ers­te Aus­wahl wid­met sich dem hohen Anteil der Impro­vi­sa­ti­on an sei­nem spä­ten Schaf­fen.
Wäh­rend Vent zunächst lan­ge, bei aller Frei­heit der Far­be und (De)Form(ation), den klas­si­schen Kom­po­si­ti­ons­ver­fah­ren und dem ein­heit­li­chen Bild­raum treu geblie­ben ist, setz­te sich im Alters­werk, vor allem in den far­bi­gen Papier­ar­bei­ten, ein vor­sätz­lich intui­ti­ves, unge­plan­tes, expe­ri­men­tie­ren­des Vor­ge­hen durch. Jen­seits aller Plau­si­bi­li­tät sto­ßen dis­pa­ra­te Köp­fe, Kör­per, freie For­men anein­an­der, deren über­ra­schen­de Anord­nung die Logik einer Raum­ein­heit igno­riert und eine beun­ru­hi­gend flu­ide Traum­welt ent­ste­hen lässt.
Clau­de Keisch, Mai 2020

Rede von Claude Keisch zur Eröffnung Kabinett [1]
Hans Vent: Unvermutete Begegnungen. Späte Arbeiten auf Papier

Da die­se ers­te Aus­wahl aus dem rei­chen Vor­rat der Hans-Vent-Stif­tung bei der mir Chris­ti­na Ren­ker anre­gend bei­gestan­den hat, eine län­ge­re Erkun­dung des Lebens­wer­kes ein­lei­tet, darf man den Titel »Unver­mu­te­te Begeg­nun­gen« auch meta­pho­risch als ein Ver­spre­chen für die nächs­ten Jah­re ver­ste­hen: Unver­mu­te­tes steht bevor.
Aber noch unmit­tel­ba­rer meint die­ser Titel natür­lich, was in den Bil­dern selbst vor­geht: aus ihrem Zusam­men­hang ent­las­se­ne Bruch­stü­cke, diver­gie­ren­de inhalt­li­che Ver­wei­se, Anord­nun­gen mit allen Zei­chen der Vor­läu­fig­keit, Moti­ve kopf­un­ter und unver­mit­telt schräg, Umris­se gedop­pelt und frei zur Wahl gestellt; und Moti­ve von unter­schied­li­cher male­ri­scher Prä­senz ver­ei­nigt, als gäl­te für jedes eine ande­re ästhe­ti­sche Spiel­re­gel; man­ches bleibt, amorph, blo­ße Ver­mu­tung 1. Begeg­nun­gen in einem Raum jen­seits der Logik, ohne Kubik, des­sen ein­zi­ge Dimen­si­on sei­ne Far­be ist!

Eröffnungsrede Fortsetzung

Die­sel­ben brei­ten Bors­ten, die par­al­le­le Farb­stri­che und Farb­strah­len und kur­vi­ge oder wink­li­ge Umriß­frag­men­te über die Flä­che ver­tei­len, erzeu­gen auch woh­lig wei­che, glat­te, leuch­ten­de Farb­räu­me: eine ent­schwer­te, ent­grenz­te, stel­len­wei­se fruch­tig süße Raum­far­be, aus der sich Gestalt­frag­men­te lösen – und schon wie­der ver­ge­hen, ehe die Andeu­tung einer Bezie­hung, einer Geschich­te, eines Kon­flik­tes sich vor unse­ren Augen kon­kre­ti­siert hat. Eine Wal­pur­gis­nacht: »Schwe­ben hin, schwe­ben her, nei­gen sich, beu­gen sich…«. Was die­se Bil­der erzäh­len, bleibt flüch­tig, nicht ein­grenz­bar, und doch ver­nimmt man immer das emo­tio­na­le Hin­ter­grund­rau­schen, ob dra­ma­tisch oder ver­träumt oder düs­ter-bedroh­lich… Dazu: die impo­san­te Über­le­bens­grö­ße, obwohl alles »nur« auf Papier anstatt auf Lein­wand gemalt ist. Ein don­nern­der Auf­tritt, und dazu die fei­ne Mal­kul­tur: eine unge­wohn­te Kreu­zung von Ber­ser­ker und Gour­met, die an den gro­ßen Max Beck­mann den­ken läßt. Soll man nun in die­sem Ver­har­ren der Bil­der zwi­schen Sein und Nicht­sein einen »unvoll­ende­ten« Zustand ver­mu­ten? Das wäre wohl die fal­sche Kate­go­rie. In frü­he­ren Jah­ren, ja, da ach­te­te Vent auf den Moment im Werk­pro­zess, wo Auf­hö­ren (etwas ande­res als Auf­ge­ben!) ange­bracht ist, weil, wie er damals auf­schrieb, »durch mehr Dazu­tun das Bild zu genau, zu natu­ra­lis­tisch wird und damit sei­nen künst­le­ri­schen Sinn ver­liert«. Das war ein Punkt, aber damals hat­te er noch die geplan­ten »Kom­po­si­tio­nen« im Auge. Mit ihnen war er wohl­ver­traut, im klei­nen wie im gro­ßen For­mat. Dem gro­ßen Wand­bild für den Palast der Repu­blik gin­gen Ent­wür­fe und Teil­stu­di­en vor­aus, wäh­rend mehr als drei­ßig Jah­re spä­ter das Wand­bild für die Caje­witz-Stif­tung, hier ein paar Häu­ser wei­ter, aus dem Steg­reif von links nach rechts dahin­im­pro­vi­siert wur­de. Impro­vi­sie­ren: das ist das Stich­wort. In dem ita­lie­ni­schen Wort steckt die Bedeu­tung »unvor­her­ge­se­hen«. 2 Über den Segen des Impro­vi­sie­rens, das in der Musik, der Lite­ra­tur, auf der Büh­ne eige­ne Gat­tun­gen her­vor­ge­bracht hat, 3 hat nie­mand so ein­leuch­tend und so ver­gnügt geschrie­ben wie Hein­rich von Kleist unter dem pro­gram­ma­ti­schen Titel »All­mäh­li­che Ver­fer­ti­gung der Gedan­ken beim Reden«, wohl­ge­merkt Ver­fer­ti­gung nicht blo­ßer Wor­te, nein: der Gedan­ken selbst. Man muß es nach­le­sen, wie er die »all­mäh­li­che« Geburt eines berühm­ten his­to­ri­schen Don­ner­worts nach­zeich­net, das noch vor dem Sturm auf die Bas­til­le die Kon­sti­tu­ie­rung einer gesetz­ge­ben­den Ver­samm­lung gegen ein strik­tes könig­li­ches Ver­bot durch­setz­te: da ergreift in gefähr­li­cher Minu­te der Jako­bi­ner Graf Mira­beau das Wort, ohne, das schält Kleist Satz­teil für Satz­teil her­aus, eine Idee davon zu haben, was er sagen wird und wie; und wie er sich tap­fer, Teil­satz für Teil­satz, mit Nichts­sa­gen­dem durch­quält – bis zur Erleuch­tung, zu dem umstürz­le­ri­schen »Wir sind die Reprä­sen­tan­ten der Nati­on« und zum Gip­fel­punkt: »daß wir uns­re Plät­ze anders nicht, als auf die Gewalt der Bajo­net­te ver­las­sen wer­den.« 4 Punkt. Was man dar­an erken­nen und auf die­se Bil­der hier über­tra­gen kann, das ist die Unent­behr­lich­keit der tas­ten­den Ansät­ze für die Schluß­wir­kung: denn das pani­sche Stam­meln aufs Gera­te­wohl wird erst im Nach­hin­ein, nach­dem es wohl­ge­ra­ten ist, als eine ästhe­tisch wie emo­tio­nal »not­wen­di­ge« Auf­gip­felung wahr­ge­nom­men: da hat die rei­ne Not eine Glut erzeugt, an der sich die Rake­te ent­zün­det. Die Situa­ti­on ist alles, die Vor­be­rei­tung nichts. Das ist die Gna­de der Impro­vi­sa­ti­on. Und die erlebt Hans Vents eigen­wil­li­ger (eigen-wil­li­ger) Pin­sel: schon mit Far­be belas­tet, weiß er noch nicht, wohin er sie tra­gen wird, er wird es erst wis­sen, wenn er das Papier berührt – und wird dabei dem Maler immer noch um eine Vier­tel­se­kun­de vor­aus sein – da, hic sal­ta, sind die Wür­fel gefal­len, und schon ist der nächs­te unge­wis­se Wurf fäl­lig, daher die Span­nung. Ein gewag­tes Spiel. Und, so betrie­ben, ein erns­tes, ein pro­blem­hal­ti­ges Spiel, an des­sen Hori­zont nichts Gerin­ge­res steht als die Uto­pie des einen, des voll­kom­me­nen Wer­kes, des »Meis­ter­werks«, an der in Balz­acs berühm­ter Erzäh­lung ein Maler von höchs­tem Ethos schei­tert, weil er sich auf die per­fek­te Aus­füh­rung ver­steift hat. Umge­kehrt haben Genies moder­ner Kunst, haben Cézan­ne, Rodin sys­te­ma­tisch Arbei­ten for­mal unbe­en­det gelas­sen und neu ange­setzt – und alle Zwei­fel aus­ge­hal­ten. Auch und gera­de bei ihnen hat der Kunst­his­to­ri­ker Hans Bel­ting den Glau­ben an das »abso­lu­te« Werk erkannt, einer Voll­endung und End­gül­tig­keit, die aber unter den Ver­hält­nis­sen der Moder­ne kei­nen Platz mehr hat und an deren Stel­le eine Fol­ge von »Ent­wür­fen« tritt, die »auf kei­ne end­gül­ti­ge Gestalt mehr ange­legt« sind, kurz: eine »werk­lo­se Visi­on von Kunst« – gar nicht so fern von Goe­thes Wort, alle sei­ne Arbei­ten sei­en »Bruch­tei­le einer gro­ßen Kon­fes­si­on«. Da die Impro­vi­sa­ti­on kein Pla­nen vor­sieht, wur­zelt sie in kei­ner Ver­gan­gen­heit, und da sie umge­kehrt – soll ihre Sub­stanz leben­dig blei­ben – nicht zum Ent­wurf taugt, ver­spricht sie kei­ne Zukunft; und so ist sie aus­schließ­lich eine Gegen­wart – in der alles auch ganz anders sein könn­te, wer­den kann. Noch. Wel­che Hoff­nung! Von ihr kann sich ein Künst­ler gera­de im Alter beson­ders ange­zo­gen füh­len – sofern ihm die inne­re Sou­ve­rä­ni­tät dazu gege­ben ist. Das als Betrach­ter nach­er­le­ben zu dür­fen: was für ein Geschenk, und wie ermu­ti­gend! Eröff­nungs­re­de 5. Juni 2020 Clau­de Keisch