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Die Gale­rie Ama­li­en­park | Raum für Kunst wird in von Clau­de Keisch kura­tier­ter Fol­ge Kabi­netts­aus­stel­lun­gen aus den rei­chen Bestän­den der Hans-Vent-Stif­tung zei­gen. Jähr­lich wer­den drei sol­cher Aus­stel­lun­gen erfol­gen.

»Es gibt nicht vie­le Maler, von denen ich so sehr sagen möch­te: sei­ne Bil­der sei­en geträumt. Nicht nur in dem Sin­ne, dass ihre unwirk­li­chen Kon­fi­gu­ra­tio­nen an Traum­phan­ta­sien erin­nern; son­dern in dem all­ge­mei­ne­ren, dass sie erst vor unse­ren Augen zu ent­ste­hen schei­nen, weil die Gestalt, die sie vor den Augen des Malers ange­nom­men haben, nicht plan­bar war. Unter den vie­len schwarz­wei­ßen oder aqua­rel­lier­ten Skiz­zen, die ganz ähn­li­che Moti­ve zei­gen wie die Öl- und Deck­far­ben­bil­der, die hier hän­gen, ist sicher kei­ne als „Kom­po­si­ti­ons­ent­wurf“ gemeint oder genutzt wor­den. Es gibt kei­ne Abfol­ge etwa von Kon­zi­pie­ren, Kom­po­nie­ren, Aus­füh­ren. Alles geschieht simul­tan, in hei­te­rer Maler­lau­ne, das Ver­wer­fen eines Zustan­des ist jeder­zeit Teil einer Spiel­re­gel, die Reue und Selbst­quä­le­rei aus­zu­schlie­ßen scheint. Impro­vi­sa­ti­on und Kon­zen­tra­ti­on, sie koope­rie­ren bei Hans Vent. Kon­zen­tra­ti­on ist die Vor­aus­set­zung des glück­li­chen Impro­vi­sie­rens. (…)«

(aus der Laudatio von Claude Keisch, Ausstellungseröffnung am 22. Februar 2019 in der Galerie der Graphikpresse, Berlin)

Ausstellung im Kabinett [2]
Hans Vent.
Landschaften Räume

Landschaften
Räume

5. Sep­tem­ber 2020 bis 24. Okto­ber 2020

Kura­tiert von Clau­de Keisch

Als Hans Vent (1934−2018) in spä­ten Tagen erklär­te, Land­schaf­ten »kön­ne er nicht«, er »habe eine male­ri­sche Form dafür nicht gefun­den«, waren ihm die über­lie­fer­ten Motiv­gat­tun­gen längst pro­ble­ma­tisch gewor­den. Sei­ne Werk­ent­wick­lung hat­te ihn
weit ent­fernt von der ein­drucks­vol­len Rei­he far­bi­ger und schwarz­wei­ßer Land­schaf­ten der sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jah­re: begin­nend etwa mit Dorf­win­keln von
kris­tal­li­nisch fes­ter Struk­tur, fort­ge­setzt mit Wald- und Strand­si­tua­tio­nen, die sich in zer­streut schwin­gen­dem Licht und sprü­hen­der Far­be auf­lö­sen. Die Figu­ren und
Grup­pen, Jäger und Baden­de, mit denen die­se Sze­ne­rien ange­rei­chert wer­den, über­neh­men es mehr und mehr, den Raum zu struk­tu­rie­ren, und je nah­sich­ti­ger
die Kom­po­si­tio­nen wer­den, je mehr sich im Spät­werk Far­be und expres­si­ver Farb­fluß von der Bin­dung an den Gegen­stand befrei­en, des­to mehr geht die gewohn­te
Vor­stel­lung von »Land­schaft« in der Mög­lich­keits­form einer abs­trak­ten Raum­of­fen­heit auf.

Clau­de Keisch, Sep­tem­ber 2020

Rede zur Eröff­nung der Aus­stel­lung

Lie­be Freun­de der Gale­rie Ama­li­en­park,
als ers­tes soll Dank gesagt wer­den, sehr von Her­zen, an die Caje­witz-Stif­tung als der Mut­ter der Hans Vent Stif­tung; und an die Künst­ler des Ama­lien-Ver­eins, die so ent­schlos­sen beim Auf­bau mit­ge­wirkt haben. Kunst macht nicht nur, wie man weiß, »viel Arbeit«, sie belohnt sie auch: Und so war es, wie vor einem Vier­tel­jahr mit Simo­ne Tip­pach-Schnei­der und Mar­tin End­er­lein, so dies­mal mit Liz Kra­toch­wil, Mar­tin und – nach dem letz­ten Moment ret­tend – Chris­ti­an Ulrich. Mit allen drei­en ging es weit über tech­ni­sche Tat hin­aus auch um hoch­will­kom­me­nen Rat – eine rei­ne Freu­de. Dafür mei­nen Dank und mei­nen Gruß!.

Und nun eini­ge Anmer­kun­gen ange­sichts die­ser dies­mal – im Unter­schied zur ers­ten Kabi­nett­aus­stel­lung – sehr unter­schied­li­chen Bil­der. Es geht nicht um »Land­schafts­dar­stel­lung«, wie man sie kennt und erwar­tet, es geht um Raum­vor­stel­lun­gen und wie Vents Male­rei sich zu ihnen ver­hält. Die hier ver­sam­mel­ten Arbei­ten mar­kie­ren künst­le­ri­sche Sta­tio­nen, die sich über mehr als ein hal­bes Jahr­hun­dert ver­tei­len, und schon auf den ers­ten Blick zeigt sich ein fun­da­men­ta­ler Wan­del.

Denn sagen Sie selbst: läßt das, was als Auf­takt auf die­ser Wand auf­ge­reiht ist, las­sen die Arbei­ten des Sieben‑, Acht, Neun­und­zwan­zig­jäh­ri­gen das Unge­stüm der spä­te­ren Far­ben­phan­ta­sien erwar­ten? Häu­ser, zuerst mit ganz kla­ren Flä­chen, bis ins Detail nach Plan kom­po­niert, anfangs sogar kon­stru­iert im Sin­ne Kurt Rob­bels, der damals an der Hoch­schu­le Wei­ßen­see lehr­te. Aber schon in der noch sehr regel­ge­rech­ten rosa-grau­en Ucker­mär­ki­schen Dorf­land­schaft mit dem gespie­gel­ten Gie­bel mel­det sich ein leben­di­ges Sach­in­ter­es­se: der Blick folgt der schräg anstei­gen­den Dorf­stra­ße bis in den Hin­ter­grund, und das Gebäu­de links iden­ti­fi­ziert sich allein durch die kur­ze Rei­he kreuz­för­mi­ger Öff­nun­gen als ein, und zwar back­stei­ner­ner!, Spei­cher. Die Karg­heit der Mit­tel besaß in jenen Jah­ren eine ethi­sche Dimen­si­on.
Aber die Herr­schaft der gera­den Lini­en und der Kuben, die abs­trak­te Licht­ge­bung, sie wer­den abge­löst durch ein dich­tes Feder­ge­krit­zel, ein­ge­ne­belt in einer schwer defi­nier­ba­ren Mischung von Was­ser­far­be und Gra­phit­staub. Man muß nur die Gie­bel mit­ein­an­der ver­glei­chen: auf den wenig jün­ge­ren Blät­tern wird ihr Umriß wei­cher, mür­ber, der Raum wird ver­schat­tet, die Moti­ve erhal­ten unter­schied­li­ches Gewicht und Prä­senz. Zwei die­ser Kom­po­si­tio­nen zei­gen die­sel­be umzäun­te Häu­ser­grup­pe, man erkennt den­sel­ben Hügel links, die auf­fal­len­den drei Bäu­me – im Abstand von ein, zwei Jah­ren zwei­mal vari­iert, sicher­lich im fer­nen Ate­lier nach einer Skiz­ze, die der Phan­ta­sie ihre Frei­heit ließ. Dabei ver­stärkt der zwei­te, beherz­te­re Zugriff die Raum­tie­fe, den Kon­trast von Nah und Fern, die Staf­fe­lung der Moti­ve. Dabei neigt sich und schwankt unmerk­lich alles. Sei­ner Form siche­rer gewor­den, läßt sich der Zeich­ner unbe­fan­gen auch auf das Erzäh­len ein: klo­bi­ge Stri­che »erzäh­len« die ange­lehn­te Lei­ter, sie erzäh­len den aus den Angeln fal­len­den Fens­ter­la­den. (Das­sel­be Motiv ist auf der älte­ren Zeich­nung vor­ge­prägt, aber ver­zagt vor­ge­tra­gen, so daß er anek­do­tisch bleibt). Und der tie­fe Schat­ten, der alles ein­hüllt und hin­ter den Baum­stäm­men undurch­dring­lich wird, schenkt dem Dorf­mo­tiv eine zeit­lo­se Hin­ter­grün­dig­keit – im Dop­pel­sinn des Wor­tes – , die um die­sel­be Zeit ähn­lich bei dem Alters­ge­nos­sen Horst Sagert bemerk­bar ist.

Weni­ge Jah­re dar­auf: die Far­be! Die Maler die­ser Genera­ti­on in Ber­lin, in Dres­den träum­ten vom Vor­bild der fran­zö­si­schen Impres­sio­nis­ten, von Cézan­ne vor allem. Für sie hieß Land­schaft zu aller­erst Licht, Far­be und bei­der Wech­sel­ver­hält­nis. In die­ser Rich­tung erreicht Hans Vent schon um die Mit­te der Sech­zi­ger­jah­re Erstaun­li­ches.

Ein Blatt von 1968 bie­tet ein Schlacht­feld der Far­be: wild Hin­ge­feg­tes, Gewisch­tes, Gekratz­tes – ein Cha­os, das sich dem Blick bald als ein anstei­gen­des Feld unter bedroh­li­chem Him­mel erweist; und wer sich nicht zu früh abge­wen­det hat, ent­deckt, über­rascht, unten, wie ein Ton aus ande­rem Regis­ter, wie eine Pik­ko­lo­flö­te mit­ten im Sturm der Bäs­se, das fei­ne Gestri­chel par­al­le­ler Lini­en von roter, vio­let­ter, grü­ner, gel­ber Far­be, das sich still und unbe­küm­mert durch das schlän­gelt, was man wohl den Vor­der­grund nen­nen darf.

Die­ses Voka­bu­lar ist in einer Rei­he meis­ter­li­cher Tem­pe­ra­bil­der in den Sech­zi­ger­jah­ren ent­wi­ckelt wor­den, von denen hier zwei aus­ge­stellt sind: als ein Gewirk aus leuch­tend far­bi­gen Par­al­lel­li­ni­en, Schrä­gen, Kur­ven und Krin­geln, Schlan­gen­li­ni­en, stri­ch­ar­tig fein oder breit­pin­se­lig naß auf­ge­tra­gen und stel­len­wei­se sogar aus­ge­wa­schen. Ein rei­ches Voka­bu­lar, ja, aber, um im Bild zu blei­ben, auch eine Gram­ma­tik und eine Syn­tax, eine ver­deut­li­chen­de Inter­punk­ti­on wie in dem Bild der skur­ri­len, erstaun­lich all­tags­na­hen Jäger neben ihrer Beu­te, oder ein frei­es Asso­zi­ie­ren von Halb­sät­zen wie in dem Ern­tebild, das eine Gestalt halb preis­gibt, wäh­rend eine zwei­te sich nur durch die Form eines Hutes andeu­tend mel­det – in hoch­som­mer­li­chem Gold erstrah­lend, im Unter­schied zum rot­grü­nen Halb­schat­ten des Nach­bar­blat­tes. Das ist Vents eigen­wil­li­ge Inter­pre­ta­ti­on jenes Gedan­kens der Zer­le­gung des Lichts in rei­ne Far­ben, wie sie, jeder anders, Seu­rat, van Gogh, Ensor, Segan­ti­ni erprobt haben.

Auf der Ein­la­dung zu die­sem Abend haben Sie schon eine Col­la­ge gese­hen, die Vents Land­schafts­pro­gramm ein­präg­sam for­mu­liert. 1977 hat er zwei Blät­ter zusam­men­ge­führt, ein Aqua­rell und eine Koh­le­zeich­nung, rei­ne Land­schaft und Akt, und dabei für einen Über­gang gesorgt: die Bei­ne der Figur gehen über in die Schrä­ge eines Hügels. Vents voll­kom­me­ne Kennt­nis der nack­ten Figur – dank zahl­lo­ser Modell­stu­di­en und noch mehr dank ihrer Beob­ach­tung in frei­er Bewe­gung – hat den Rol­len­wech­sel mög­lich gemacht. So wird die alt­ver­trau­te greif­ba­re Moti­vik der Land­schaft, wer­den die Bäu­me, die Wol­ken, alles, was über Nähe und Fer­ne und Stim­mung Aus­kunft gibt, ersetz­bar durch Figu­ren und Grup­pen in hun­dert­fach wech­seln­den Anord­nun­gen, durch Kör­per, die Raum und Licht nicht ver­drän­gen, son­dern auf­neh­men in einer ent­grenz­ten Welt, die nur die Male­rei mög­lich macht.

Es sind typi­scher­wei­se Strand­sze­nen, die es ermög­li­chen, »Men­schen am Strand«, wie der halb unbe­hol­fe­ne, halb bekennt­nis­haf­te Titel des gro­ßen Wand­bil­des für den Palast der Repu­blik lau­tet. Es geht aber auch vor den Häu­ser­ku­ben der Groß­stadt mit rau­chen­den Essen aus dem Reper­toire der Holz­schnit­te Frans Masere­els. Obwohl es, wie man sieht, auch im Schwarz­weiß geht, erweist sich doch die Far­be als das frucht­bars­te Medi­um. Hier sieht man zwei Zeich­nun­gen von 1979, die an die tan­zen­den Farbli­ni­en, den bun­ten Par­al­lel­strei­fen und Ara­bes­ken der Tem­pe­ra­bil­der aus den Sech­zi­gern anschlie­ßen, nur ist hier alles viel locke­rer, impro­vi­sier­ter, bei­läu­fi­ger. Freie far­bi­ge Kon­tur­li­ni­en bezeich­nen die Kör­per und ihr Nach­hall sind far­bi­ge Rand­be­gren­zun­gen.

Was aber sol­che Blät­ter ent­schie­den von den Gou­achen trennt, ist, was ich eben ihre Bei­läu­fig­keit genannt habe – Pro­zeß­haf­tig­keit, wenn man es spit­zer aus­drü­cken will. Nicht als jeweils geschlos­se­ne, auto­no­me »Wer­ke« tre­ten die­se Arbei­ten der zwei­ten Schaf­fens­hälf­te auf, viel­mehr wie Treib­gut in einem gro­ßen Strom, wie ein end­lo­ses Erpro­ben, jede Vari­an­te offen genug, um die nächs­te her­bei­zu­ru­fen, jedes Motiv viel­deu­tig genug, die Phan­ta­sie jen­seits aller kon­kre­ten Vor­gän­ge zu ent­zün­den. Es kön­nen nack­te Figu­ren und Grup­pen sein, eben­so kön­nen es Köp­fe sein – los­ge­lös­te Köp­fe ohne einen vor­stell­ba­ren Kör­per wie die­se bei­den: einer in las­ten­der Mate­ri­al­tät vor Hügeln, der ande­re schwe­bend: erschei­nend oder sich viel­leicht auch auf­lö­send – wir wis­sen es nicht. In der Unru­he sol­cher Bil­der gewit­tert das fer­ne Dra­ma.

Was ist aber von Hans Vents Erklä­rung aus spä­ten Tagen zu hal­ten: »Land­schaf­ten kann ich nicht, ich habe eine male­ri­sche Form dafür nicht gefun­den […] das heißt, ich weiß nicht, wie ich das machen soll«? Tat­säch­lich, von der »Land­schaft« im erwar­te­ten Sin­ne, als Gegen­stand hat er sich früh ver­ab­schie­det, was blieb war Land­schaftlich­keit, war die homöo­pa­thisch ent­stoff­lich­te, aber umso inten­si­ver nach­wir­ken­de Erfah­rung eines Ereig­nis­rau­mes, in dem Stoff, Form, Sinn zu Einem wer­den.

Clau­de Keisch, Sep­tem­ber 2020

Ausstellung im Kabinett [1]
Hans Vent – Unvermutete Begegnungen

Späte Arbeiten auf Papier

5 Juni bis 11. Juli 2020
Ers­te Aus­stel­lung der Rei­he mit Arbei­ten von Hans Vent im Kabi­nett der Gale­rie.

Kura­tiert von Clau­de Keisch

Obwohl das eigen­wil­li­ge, von Moden wie von ideo­lo­gi­schen Vor­ga­ben unab­hän­gi­ge Werk des Ber­li­ner Malers Hans Vent (1934 – 2018) durch Aus­stel­lun­gen und Publi­ka­tio­nen wohl­be­kannt zu sein scheint, ist sei­ne Tie­fe und Viel­falt noch kei­nes­wegs erschlos­sen: dies wird eine Fol­ge von Kabi­nett­aus­stel­lun­gen aus den rei­chen Bestän­den der Hans-Vent-Stif­tung zei­gen. Die ers­te Aus­wahl wid­met sich dem hohen Anteil der Impro­vi­sa­ti­on an sei­nem spä­ten Schaf­fen.
Wäh­rend Vent zunächst lan­ge, bei aller Frei­heit der Far­be und (De)Form(ation), den klas­si­schen Kom­po­si­ti­ons­ver­fah­ren und dem ein­heit­li­chen Bild­raum treu geblie­ben ist, setz­te sich im Alters­werk, vor allem in den far­bi­gen Papier­ar­bei­ten, ein vor­sätz­lich intui­ti­ves, unge­plan­tes, expe­ri­men­tie­ren­des Vor­ge­hen durch. Jen­seits aller Plau­si­bi­li­tät sto­ßen dis­pa­ra­te Köp­fe, Kör­per, freie For­men anein­an­der, deren über­ra­schen­de Anord­nung die Logik einer Raum­ein­heit igno­riert und eine beun­ru­hi­gend flu­ide Traum­welt ent­ste­hen lässt.
Clau­de Keisch, Mai 2020

Rede von Claude Keisch zur Eröffnung Kabinett [1]
Hans Vent: Unvermutete Begegnungen. Späte Arbeiten auf Papier

Da die­se ers­te Aus­wahl aus dem rei­chen Vor­rat der Hans-Vent-Stif­tung bei der mir Chris­ti­na Ren­ker anre­gend bei­gestan­den hat, eine län­ge­re Erkun­dung des Lebens­wer­kes ein­lei­tet, darf man den Titel »Unver­mu­te­te Begeg­nun­gen« auch meta­pho­risch als ein Ver­spre­chen für die nächs­ten Jah­re ver­ste­hen: Unver­mu­te­tes steht bevor.
Aber noch unmit­tel­ba­rer meint die­ser Titel natür­lich, was in den Bil­dern selbst vor­geht: aus ihrem Zusam­men­hang ent­las­se­ne Bruch­stü­cke, diver­gie­ren­de inhalt­li­che Ver­wei­se, Anord­nun­gen mit allen Zei­chen der Vor­läu­fig­keit, Moti­ve kopf­un­ter und unver­mit­telt schräg, Umris­se gedop­pelt und frei zur Wahl gestellt; und Moti­ve von unter­schied­li­cher male­ri­scher Prä­senz ver­ei­nigt, als gäl­te für jedes eine ande­re ästhe­ti­sche Spiel­re­gel; man­ches bleibt, amorph, blo­ße Ver­mu­tung 1. Begeg­nun­gen in einem Raum jen­seits der Logik, ohne Kubik, des­sen ein­zi­ge Dimen­si­on sei­ne Far­be ist!

Eröffnungsrede Fortsetzung

Die­sel­ben brei­ten Bors­ten, die par­al­le­le Farb­stri­che und Farb­strah­len und kur­vi­ge oder wink­li­ge Umriß­frag­men­te über die Flä­che ver­tei­len, erzeu­gen auch woh­lig wei­che, glat­te, leuch­ten­de Farb­räu­me: eine ent­schwer­te, ent­grenz­te, stel­len­wei­se fruch­tig süße Raum­far­be, aus der sich Gestalt­frag­men­te lösen – und schon wie­der ver­ge­hen, ehe die Andeu­tung einer Bezie­hung, einer Geschich­te, eines Kon­flik­tes sich vor unse­ren Augen kon­kre­ti­siert hat. Eine Wal­pur­gis­nacht: »Schwe­ben hin, schwe­ben her, nei­gen sich, beu­gen sich…«. Was die­se Bil­der erzäh­len, bleibt flüch­tig, nicht ein­grenz­bar, und doch ver­nimmt man immer das emo­tio­na­le Hin­ter­grund­rau­schen, ob dra­ma­tisch oder ver­träumt oder düs­ter-bedroh­lich… Dazu: die impo­san­te Über­le­bens­grö­ße, obwohl alles »nur« auf Papier anstatt auf Lein­wand gemalt ist. Ein don­nern­der Auf­tritt, und dazu die fei­ne Mal­kul­tur: eine unge­wohn­te Kreu­zung von Ber­ser­ker und Gour­met, die an den gro­ßen Max Beck­mann den­ken läßt. Soll man nun in die­sem Ver­har­ren der Bil­der zwi­schen Sein und Nicht­sein einen »unvoll­ende­ten« Zustand ver­mu­ten? Das wäre wohl die fal­sche Kate­go­rie. In frü­he­ren Jah­ren, ja, da ach­te­te Vent auf den Moment im Werk­pro­zess, wo Auf­hö­ren (etwas ande­res als Auf­ge­ben!) ange­bracht ist, weil, wie er damals auf­schrieb, »durch mehr Dazu­tun das Bild zu genau, zu natu­ra­lis­tisch wird und damit sei­nen künst­le­ri­schen Sinn ver­liert«. Das war ein Punkt, aber damals hat­te er noch die geplan­ten »Kom­po­si­tio­nen« im Auge. Mit ihnen war er wohl­ver­traut, im klei­nen wie im gro­ßen For­mat. Dem gro­ßen Wand­bild für den Palast der Repu­blik gin­gen Ent­wür­fe und Teil­stu­di­en vor­aus, wäh­rend mehr als drei­ßig Jah­re spä­ter das Wand­bild für die Caje­witz-Stif­tung, hier ein paar Häu­ser wei­ter, aus dem Steg­reif von links nach rechts dahin­im­pro­vi­siert wur­de. Impro­vi­sie­ren: das ist das Stich­wort. In dem ita­lie­ni­schen Wort steckt die Bedeu­tung »unvor­her­ge­se­hen«. 2 Über den Segen des Impro­vi­sie­rens, das in der Musik, der Lite­ra­tur, auf der Büh­ne eige­ne Gat­tun­gen her­vor­ge­bracht hat, 3 hat nie­mand so ein­leuch­tend und so ver­gnügt geschrie­ben wie Hein­rich von Kleist unter dem pro­gram­ma­ti­schen Titel »All­mäh­li­che Ver­fer­ti­gung der Gedan­ken beim Reden«, wohl­ge­merkt Ver­fer­ti­gung nicht blo­ßer Wor­te, nein: der Gedan­ken selbst. Man muß es nach­le­sen, wie er die »all­mäh­li­che« Geburt eines berühm­ten his­to­ri­schen Don­ner­worts nach­zeich­net, das noch vor dem Sturm auf die Bas­til­le die Kon­sti­tu­ie­rung einer gesetz­ge­ben­den Ver­samm­lung gegen ein strik­tes könig­li­ches Ver­bot durch­setz­te: da ergreift in gefähr­li­cher Minu­te der Jako­bi­ner Graf Mira­beau das Wort, ohne, das schält Kleist Satz­teil für Satz­teil her­aus, eine Idee davon zu haben, was er sagen wird und wie; und wie er sich tap­fer, Teil­satz für Teil­satz, mit Nichts­sa­gen­dem durch­quält – bis zur Erleuch­tung, zu dem umstürz­le­ri­schen »Wir sind die Reprä­sen­tan­ten der Nati­on« und zum Gip­fel­punkt: »daß wir uns­re Plät­ze anders nicht, als auf die Gewalt der Bajo­net­te ver­las­sen wer­den.« 4 Punkt. Was man dar­an erken­nen und auf die­se Bil­der hier über­tra­gen kann, das ist die Unent­behr­lich­keit der tas­ten­den Ansät­ze für die Schluß­wir­kung: denn das pani­sche Stam­meln aufs Gera­te­wohl wird erst im Nach­hin­ein, nach­dem es wohl­ge­ra­ten ist, als eine ästhe­tisch wie emo­tio­nal »not­wen­di­ge« Auf­gip­felung wahr­ge­nom­men: da hat die rei­ne Not eine Glut erzeugt, an der sich die Rake­te ent­zün­det. Die Situa­ti­on ist alles, die Vor­be­rei­tung nichts. Das ist die Gna­de der Impro­vi­sa­ti­on. Und die erlebt Hans Vents eigen­wil­li­ger (eigen-wil­li­ger) Pin­sel: schon mit Far­be belas­tet, weiß er noch nicht, wohin er sie tra­gen wird, er wird es erst wis­sen, wenn er das Papier berührt – und wird dabei dem Maler immer noch um eine Vier­tel­se­kun­de vor­aus sein – da, hic sal­ta, sind die Wür­fel gefal­len, und schon ist der nächs­te unge­wis­se Wurf fäl­lig, daher die Span­nung. Ein gewag­tes Spiel. Und, so betrie­ben, ein erns­tes, ein pro­blem­hal­ti­ges Spiel, an des­sen Hori­zont nichts Gerin­ge­res steht als die Uto­pie des einen, des voll­kom­me­nen Wer­kes, des »Meis­ter­werks«, an der in Balz­acs berühm­ter Erzäh­lung ein Maler von höchs­tem Ethos schei­tert, weil er sich auf die per­fek­te Aus­füh­rung ver­steift hat. Umge­kehrt haben Genies moder­ner Kunst, haben Cézan­ne, Rodin sys­te­ma­tisch Arbei­ten for­mal unbe­en­det gelas­sen und neu ange­setzt – und alle Zwei­fel aus­ge­hal­ten. Auch und gera­de bei ihnen hat der Kunst­his­to­ri­ker Hans Bel­ting den Glau­ben an das »abso­lu­te« Werk erkannt, einer Voll­endung und End­gül­tig­keit, die aber unter den Ver­hält­nis­sen der Moder­ne kei­nen Platz mehr hat und an deren Stel­le eine Fol­ge von »Ent­wür­fen« tritt, die »auf kei­ne end­gül­ti­ge Gestalt mehr ange­legt« sind, kurz: eine »werk­lo­se Visi­on von Kunst« – gar nicht so fern von Goe­thes Wort, alle sei­ne Arbei­ten sei­en »Bruch­tei­le einer gro­ßen Kon­fes­si­on«. Da die Impro­vi­sa­ti­on kein Pla­nen vor­sieht, wur­zelt sie in kei­ner Ver­gan­gen­heit, und da sie umge­kehrt – soll ihre Sub­stanz leben­dig blei­ben – nicht zum Ent­wurf taugt, ver­spricht sie kei­ne Zukunft; und so ist sie aus­schließ­lich eine Gegen­wart – in der alles auch ganz anders sein könn­te, wer­den kann. Noch. Wel­che Hoff­nung! Von ihr kann sich ein Künst­ler gera­de im Alter beson­ders ange­zo­gen füh­len – sofern ihm die inne­re Sou­ve­rä­ni­tät dazu gege­ben ist. Das als Betrach­ter nach­er­le­ben zu dür­fen: was für ein Geschenk, und wie ermu­ti­gend! Eröff­nungs­re­de 5. Juni 2020 Clau­de Keisch